Ausrichter der größten Jugendmusicalproduktion im deutschsprachigen Raum

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April 11th, 2016

Das Problem mit Musical Großproduktionen in Deutschland am Beispiel von Jeanne d‘Arc in Niedernhausen

Zwei Monate vor Probenbeginn ist es nun also auch von der Urheberin des Stückes, Maricel Wölk, bestätigt, dass Jeanne d‘Arc in Niedernhausen nicht zur Aufführung gelangen wird. Sie schreibt auf Facebook in etwa: Was genau kann eine Autorin bzw. ihr Verlag noch tun, um Gewissheit über einen Produzenten zu erhalten als finanzielle Sicherheiten, unterschriebene Verträge, ja sogar ein eigens gekauftes Theater? Leider hat der Produzent von Jeanne d`Arc das Stück abgesagt. Offensichtlich wird er Insolvenz anmelden. Der Vorfall wird derzeit von der Steuerfahndung untersucht.

Was genau hinter der Absage steckt, ist also noch nicht wirklich klar. Es lässt sich aber ein Muster erkennen, das regelmäßig deutsche Musicalgroßproduktionen in den Ruin treibt.

Sammeln wir die Fakten:
1. Florian Willmanns ist geschäftsführender Gesellschafter von Rhein-Main-Entertainment (RME GmbH; Registergericht: Amtsgericht Wiesbaden; Registernummer: HRB 28717). Dieses Unternehmen wollte das neue Musical „Jeanne d`Arc“ auf die Bühne des Rhein-Main-Theaters Niedernhausen bringen.
2. Willmanns ist ein Neueinsteiger im Musical-Geschäft. Bislang führte er für seinen Vater mehrere McDonalds-Fastfood-Restaurants.
3. Zum geplanten Personaleinsatz sagt er in einem Interview: „Es werden 55 Mitarbeiter im Theater arbeiten – zuzüglich des Orchesters. Dies ist mit 20 Musikern bestückt zur Vorstellung und jedes Instrument ist dreifach besetzt.“ [sic!]
4. Die Besetzung wurde am 10.03.2016 auf der Webseite bekannt gegeben, genau 10 Tage bevor Jennifer Siemann – geplant als alternierende Jeanne d‘Arc – als erste öffentlich ihre Fans aufforderte, keine Karten mehr zu ordern.
5. Schon 2015 wurden bei der Premierenankündigung Termine des Vorpächters missachtet, wodurch sich die Weltpremiere um wenige Monate nach hinten verschob. Jetzt folgt die inoffizielle Absage.
6. Auf der offiziellen Webseite wurde der Vorverkauf inzwischen „vorübergehend gestoppt“. Kein Wort von einer drohenden Insolvenz.

Das Schlimmste an der ganzen Misere: Die KünstlerInnen des Musical-Ensembles und die MusikerInnen haben mit der Aussicht auf eine Spielzeit von 25. Juni bis 22. Dezember sicherlich an keinen Auditions mehr für andere Produktionen teilgenommen, oder aber abgesagt. Nur den Wenigsten wird es deshalb gelingen, noch kurzfristige Engagements auf anderen Bühnen zu ergattern. Ihnen droht eine halbjährige Arbeitslosigkeit. Die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Entschädigung für den einzelnen Künstler geht im Falle einer Insolvenz gegen Null. Weil der erste Arbeitstag wohl nicht angetreten werden kann, gibt es auch kein Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit.

Hartnäckig versuchen immer wieder neue sogenannte „Produzenten“ – geblendet vom schönen Schein des Show-Business – in das Musicalgeschäft in Deutschland einzusteigen. Dabei werden selten kleine Brötchen gebacken, um sich nach und nach das Know-How anzueignen, das – wie übrigens in jedem anderen Beruf auch – einfach notwendig ist, um erfolgreich zu sein. Stattdessen sind es entweder völlig Branchenfremde, wie in diesem Falle ein McDonalds-Restaurantbesitzer (der offensichtlich allen Ernstes meint, sich ein 20köpfiges Orchester leisten zu können), oder es sind ehemalige Regisseure, Choreographen und Dramaturgen, die sich als Produzenten versuchen, weil sie glauben – ja wieso denn eigentlich? – dass sie plötzlich auch Ahnung von Betriebswirtschaft, Marketing und Unternehmens-Management hätten. Man fragt sich ganz grundsätzlich, wieso so viele Menschen – selbst Branchenkenner – allen Ernstes davon überzeugt sind, dass man mit Musical Geld verdienen könne. Das ist nämlich bislang noch eigentlich keinem gelungen, es sei denn, man hat entweder – wie ein Joop van den Ende – Milliardenreserven zur Verfügung, um schwankende Verkaufszahlen im Ticketbereich ausgleichen zu können (aber selbst der hat sich ja bekanntlich inzwischen mehrheitlich aus diesem Geschäftsbetrieb zurückgezogen), oder man hat öffentliche Fördermittel zur Verfügung, weil einzelne Kommunen oder Länder Musicalproduktionen und -festivals unterstützen und weil sie davon überzeugt sind, dass ein künstlerisches Angebot ein Standortvorteil für sie bedeutet (was es nachgewiesener Maßen, ja auch tatsächlich ist).

Das Musical ist und bleibt aber Kunst und die trägt sich nun einmal nicht von allein. Das hat sie noch nie. Sie ist und bleibt fördermittelabhängig. Wenn überhaupt irgendjemand an dem Genre verdient, dann sind es die Urheber der Stücke, sprich Komponisten und Librettisten. Idealer Weise decken sich darum Produzenten und Urheber, wie im Falle von Spotlight Musicals. Aber selbst diese Produktionen sind ohne öffentliche Partner – seien es Kirchen, Verbände oder Städte – kaum denkbar. Dennoch dürften Dennis Martin und Peter Scholz die glänzende Ausnahme von der traurigen Regel sein: Musicalgroßproduktionen in Deutschland gehen wohl ihrem Ende entgegen.

Mai 14th, 2015

Nachlese zur 8. Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur

“KÜNSTLER LESEN VIEL ZU VIEL BULLERBÜ”

Es muss vergnüglich hergegangen sein bei der 8. Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur in Köln am frühen Morgen. Ich war leider zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend, sondern stieß erst nachmittags hinzu. Die Podiumsdiskussion, an der ich teilnahm stand unter dem Motto: „Zwischen Mindestlohn und Tantiemen: neue Entgelt- und Lohnmodelle?“.

Natürlich erkundigte ich mich im Vorfeld bei meinen Mitdiskutanten, wie der Morgen gelaufen sei. Mit sichtlich verärgerter Miene erzählten man mir, dass sich die Damen und Herren Politiker – Dank tatkräftiger Unterstützung (man lese und staune) der WDR Abteilungsleiterin Programmdesign und Multimedia, Karin Sarholz – hervorragend aus der Kulturmisere hätten stehlen können. Die Steilvorlage der Trägerin des Kurt-Magnus-Preises für Hörfunkjournalismus: Schon junge ArbeitnehmerInnen kämen mit unverschämten Forderungen nach einer guten Life-Work-Ballance an. Darauf hätte man doch frühestens mit 40 oder 50 einen Anspruch. Zu Beginn eines Arbeitslebens hieße es ganz einfach, viel und hart zu arbeiten! Die Vorstellungen mancher jungen Leute seien doch absurd, am Wochenende bitte nicht vom Arbeitgeber angerufen zu werden. Die KünstlerInnen von heute hätten alle viel zu viel „Wir Kinder aus Bullerbü“ gelesen.

Wir erinnern uns an das Kinderbuch Astrid Lindgrens: Lisas Mama sagt dort, dass es “Bullerbü” heiße, weil die Kinder in Bullerbü so viel herumbullerten. Man könne einfach nicht begreifen, wie es sechs Kinder schafften, einen solchen Lärm zu machen. KünstlerInnen bullerten also viel zu viel herum!

Jubel und Applaus bei den anwesenden Damen und Herren des Establishments. Genau: Der Markt regle das schon alles. Die Politik müsse nicht eingreifen, sei auch gar nicht zuständig. Alles halb so wild. Viel zu viel Lärm (um nichts)!

Ich traute meinen Ohren kaum.

Liebes Establishment, bislang waren wir alle noch viel zu brav. Der kulturpolitische Kuschelkurs ist von unserer Seite aus seit Dienstag vorbei! Bislang hatten wir in Interviews immer die Eigenverantwortung der betroffenen KünstlerInnen hervor gehoben. Das scheint aber kontraproduktiv gewesen zu sein (obwohl es natürlich noch immer richtig ist). Der Fokus wird sich nun bei uns verschieben: Wer öffentliche Fördermittel verteilt, ist auch verantwortlich zu überprüfen, wie diese eingesetzt werden, und zwar mit allen Konsequenzen!

In einem Land, in dem tagtäglich Sozialversicherungsbetrug stattfindet, der dann dazu führt, dass KünstlerInnen später in der Altersarmut landen, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

In einem Land, in dem die Besetzung von Filmrollen noch immer mit der unverhohlenen Frage verbunden wird, ob die Schauspielerin denn auch bereit wäre, mit dem Produzenten demnächst in den Urlaub zu fliegen, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

Und: In einem Land, in dem Proben nicht bezahlt werden, die KünstlerInnen nicht versichert sind, dennoch aber Arbeitsunfälle auf der Bühne geschehen, dann aber nicht sofort der Notarzt gerufen, sondern der Betroffene auf den Gehsteig getragen wird, um ein Fahrrad hinzu zulegen und jetzt erst die 110 gewählt wird, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

Liebe Karin Sarholz, mit Verlaub, Sie haben keine Ahnung wie es in unserem Land wirklich zugeht!

(von: Johannes Maria Schatz, Vorsitzender von art but fair Deutschland)

Dezember 12th, 2014

Kunst gleich unfair?

Der Verein „art but fair“ ist in der Kulturpolitik angekommen

(von Ines Stricker in: neue musikzeitung 10/14)

Das müsste man mal alles aufschreiben, das würde uns kein Mensch glauben“: Diesen Stoßseufzer von Künstlern über miserable Honorar- und Arbeitsbedingungen auf dem freien Markt macht Musicalproduzent Johannes Maria Schatz im Februar 2013 zum Ausgangspunkt für sein soziales und politisches Engagement. Der Verein „art but fair“, den er in Deutschland als Vorsitzender vertritt, verlangt nicht nur angemessene Entlohnung für Künstler, sondern auch Selbstverpflichtungserklärungen von Agenten und Kulturanbietern.

 

Dumping-Honorare für Musiker

Für Schatz ist das Ende der Geduld erreicht, als seine Frau, eine Musicaldarstellerin und Schauspielerin, folgendes Beschäftigungsangebot von einem Theater erhält: Für eine Spielzeit mit 300 Vorstellungen soll sie gerade einmal 1.200 Euro brutto pro Monat erhalten. Schatz schaltet spontan eine Facebookseite über die „traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen“ (https://www.facebook.com/Kuenstlergagen) auf – und stellt fest, dass die Seite innerhalb weniger Stunden geradezu vor Likes explodiert.

Neben Schauspielern und Musicalkünstlern melden sich auch freiberufliche Tänzer, Sänger und Instrumentalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und berichten über Dumping-Honorare und Existenzsorgen. Schon bald setzt sich auch die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman mit Schatz in Verbindung und steuert ihre eigenen Erfahrungen von den Salzburger Festspielen bei: Dort sollen nur noch Aufführungen, aber nicht mehr die dafür notwendigen Proben bezahlt werden. Fallen die Sänger in einer Vorstellung aus, etwa wegen Krankheit, erhalten sie kein Geld – ein unabsehbares finanzielles Risiko. Elisabeth Kulman ruft zur „Revolution der Künstler“ auf und gilt bald als Jeanne d’Arc der Freiberuflichen, Johannes Maria Schatz als deren Robin Hood. Im Austausch mit anderen Interessierten reift die Idee, je einen deutschen, österreichischen und schweizerischen gemeinnützigen Verein unter dem Namen „art but fair“ zu gründen und ein Gütesiegel für faire Kunst zu entwickeln.

In Zeiten von Künstlerüberfluss auf der einen und ständiger Ökonomisierung auf der anderen Seite offensichtlich eine Notwendigkeit, denn auch heute noch lesen sich die Geschichten auf der Facebookseite krude: Eine Band reist 600 Kilometer zu einem Konzert an, das dann wegen unprofessioneller Organisation durch den Veranstalter ausfällt – damit ist auch die Gage perdu, die sich aus einem Anteil an den Karteneinnahmen ergeben hätte. Eine andere Band wird angefragt, ob sie für eine Fernsehshow ein Stück inklusive Text schreiben, mit Showkandidaten einstudieren und live aufführen kann – für 500 Euro, von denen noch die Gagen für Kameramann, Beleuchtung und Cutter abgehen. Klassische Musiker wiederum akzeptieren für eine Stelle in einem ausländischen Festivalorchester Gagen, die bis zu 50 Prozent niedriger ausfallen als der dort übliche Mindestlohn.

Sängern und Schauspielern ergeht es nicht besser: Manche Agenturen verlangen beim Vorsingen Gebühren, etwa für Korrepetition, Strom, Raumnutzung und -reinigung. Im Musicalbereich werden Darstellerinnen und Darsteller eingeladen, ohne dass es tatsächlich eine Stelle oder ein Engagement gibt – eine solche „blind audition“ dient einfach dazu, den Markt zu sondieren, ohne Rücksicht auf die Ausgaben der Künstler für Anreise und Übernachtung. Solche Praktiken seien mittlerweile bei Weitem keine Ausnahme mehr, betont Johannes Maria Schatz.

 

Selbstverpflichtung für faire Musikerverträge

Er sieht den Grund für die Misere der Freiberuflichen in den schwindenden öffentlichen Mitteln. Dabei widerspricht Schatz der immer wieder vorgetragenen Begründung leerer Kassen und fehlender Gelder: „Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in Deutschland, der Schweiz und in Österreich in der Nachkriegszeit – mit Ausnahme von 2008 nach dem Börseneinbruch– stetig vergrößert. Das heißt, innerhalb eines Landes wird immer mehr Geld eingenommen, es wird nur falsch verteilt.“ Städte, Kommunen und Länder müssten zwar aufgrund hoher Verschuldungen sparen, aber im Kultursektor mit seinen eins bis drei Prozent am Gesamtbudget lasse sich nicht mehr viel kürzen. Auch dass das Angebot in Theatern, Konzertsälen und auf Bühnen in seiner Bedeutung als Standortfaktor ständig unterschätzt wird, wurmt ihn außerordentlich.

Mittlerweile hat „art but fair“ aber nicht nur viele Likes auf seiner Facebookseite (derzeit sind es über 17.000), sondern stellt auf seiner Website auch Texte für eine Selbstverpflichtung zur Verfügung. Verpflichten können und sollen sich dabei nicht nur Kunstschaffende – etwa dazu, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen –, sondern vor allem deren Auftraggeber und kulturpolitische Akteure. Hochschulen etwa sollen sich verpflichten, „dass ausschließlich Bewerber aufgenommen werden können, die eine außerordentliche künstlerische Begabung mitbringen und somit später eine reelle Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.“ Theater und Produzenten sollen dafür sorgen, dass „sowohl für Proben als auch für Auftritte angemessene Vergütungen und Spesen“ gezahlt werden. Im Fall der freien Theater muss man wohl hinzufügen: je nach Möglichkeit.

Diese rechtlich nicht verbindlichen Selbstverpflichtungen erscheinen auf den ersten Blick wolkig, doch es gibt dafür zwei Vorbilder: Zum einen das Projekt „global compact“ der Vereinten Nationen, bei dem der „art but fair“-engagierte Maximilan Norz mitarbeitet. Darin verpflichten sich Unternehmen der freien Wirtschaft, zehn ethische Mindeststandards einzuhalten. Zum anderen das Gütesiegel, wie es aus der Lebensmittel- und Bekleidungsindustrie bekannt ist. Umgesetzt auf die künstlerische Sparte heißt das: Künftig sollen Kunstanbieter oder -verwerter eine Selbstverpflichtung unterzeichnen und dafür das „art but fair“ Logo nutzen können. Der Betrieb kann von Beschäftigten, Journalisten oder der Öffentlichkeit an dieser Selbstverpflichtung und einem obligatorischen Jahresbericht gemessen werden. Um die Selbstverpflichtungen auch in der Praxis umsetzbar zu machen, hat „art but fair“ eine Studie der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn und der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung angeregt. In wenigen Jahren, hofft Schatz, wird die Selbstverpflichtung auch als Kriterium dafür dienen, ob ein Projekt oder eine Institution mit öffentlichen oder privaten Geldern gefördert wird.

Doch bereits in der Gegenwart wird dank medialer Aufmerksamkeit der über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzierte Verein „art but fair“ auch von der Kulturpolitik wahrgenommen. Mittlerweile, berichtet Schatz, seien bei den Gewerkschaften wie der GDBA (der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger) neben den Tarifen für die Festangestellten auch die Gagen der freiberuflichen Künstler Gegenstand von Gesprächen. Der größte und unmittelbarste Erfolg sei aber, dass auch die freiberuflichen Künstler selbst nun endlich wagten, über bislang verpönte Tabuthemen wie Geld oder die Probleme mit Engagements zu sprechen, nach dem Motto: „Endlich weiß ich, dass es nicht nur mir so geht“. Angesichts prekärer Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse, wie sie gerade im Musikbereich gang und gäbe sind (man denke nur an die der Künstlersozialkasse gemeldeten Jahreseinkommen von Musikern von durchschnittlich rund 12.600 Euro) war dieser Sinneswandel längst überfällig.”

Oktober 22nd, 2014

Ein Gütesiegel für faire Kunst

(Foto: dpa/Caroline Seidel)

Johannes Maria Schatz über Dumping-Gagen, Existenznot und Unwissenheit
(von Mathias Schulze, in: neues deutschland, 13.09.2014)

Welche Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Berufsbildes Künstler wollen Sie leisten?
Wir richten uns an die Kunstakteure und an das Publikum. Die Bandbreite ist da unheimlich groß. Ursprünglich hatte ich im Februar 2013 mit dem Facebook-Auftritt »Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse« nur an Musicaldarsteller und Schauspieler gedacht. Dann war das Echo aber so gewaltig, dass wir alle Sparten der Darstellenden Kunst und Musik mit aufnahmen. Unter welchen Bedingungen überall gearbeitet wird, wissen die Wenigsten.

Sollten sich Künstler nicht selbst eine Mindestgage setzen?
Es gibt für die Festangestellten durchaus Mindestgagen – nach dem derzeitig gültigen Tarifvertrag liegt der für Sänger und Schauspieler beispielsweise bei 1650 Euro brutto. Gleichzeitig gibt es aber schon länger die Tendenz, dass Theater immer mehr mit Freischaffenden zusammenarbeiten. Für die gilt der Tarifvertrag nicht. An dem Punkt haben die Gewerkschaften jahrzehntelang gepennt. Hoffnung gibt es: Der deutsche Bühnenverein sitzt gerade mit der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Vereinigung Deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) zusammen, um auch für Freischaffende eine Mindestgage auszuhandeln. Junge Künstler kennen ihren Marktwert meist noch gar nicht. Das ganze praktische Know-How, Versicherungen, Vertraggestaltung etc., wird bestenfalls in der Praxis erlernt. Hier müssen die Schulen unbedingt nachbessern! Außerdem gibt es sehr viele Künstler. Lehnt man ein Dumping-Angebot ab, stehen dennoch viele andere Künstler unter Existenzdruck – und nehmen das Angebot an.

Bekommen Sie von diesen Künstlern, die seit Jahren unter dem Existenzdruck arbeiten, auch Skepsis zu hören?
Unsere »art but fair«-Selbstverpflichtung, die auf ein faires und würdevolles Arbeiten hinwirken will (http://selbstverpflichtung.artbutfair.org/), stößt natürlich auch auf Kritik: Wie kann ich diese Selbstverpflichtung, egal ob ich Kunstschaffender, Theaterleiter oder ein Verantwortlicher in der Kulturpolitik bin, unterschreiben, wenn ich der harten Realität unterliege? Die Unterschrift unter die Selbstverpflichtung ist kein »Entweder-Oder«. Sie drückt aus, dass man bereit ist, sich auf einen langen Weg zu fairen Arbeitsbedingungen und angemessenen Gagen zu machen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das im Detail zu vermitteln, ist uns noch nicht gänzlich gelungen.

Sie wollen auch den einzigartigen Wert von Kunst wieder ins Bewusstsein rücken: Worin besteht der?
Es gibt für mich keinen anderen Grund, Kunst staatlich zu fördern, als der Gesellschaft immer wieder von neuem kritisch den Spiegel vorzuhalten. Unsere Finanzpolitiker müssen sich schon fragen lassen, ob sie »gelungene« Kunst allein an vollen Theatersälen oder Besucherzahlen messen wollen. Wenn nämlich nur noch Gefälliges produziert wird, dann wird das der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst nicht gerecht. Auf der anderen Seite finde ich nicht, dass jedes Projekt zwingend überleben muss. Kunst, die nur durch Dumping-Gagen entsteht, ist nicht erhaltenswert!

Wie sehen die Fernziele von »art but fair« aus?
In den kommenden Monaten werden wir mit der Hans-Böckler-Stiftung und der Kulturpolitischen Gesellschaft eine Studie durchführen, die überwiegend auf Interviews mit Kulturexperten beruhen wird. Wir nennen das die »art but fair consultations«. Die Ergebnisse sollen zeigen, ob wir mit unserem moralischen Kodex auf dem richtigen Weg sind: Wo muss noch nachjustiert werden? Langfristiges Ziel ist dann ein Kunst-Gütesiegel. Wer das künftig trägt, steht mit seiner Produktion für faire Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen. Der Zuschauer kann erkennen, ob das Geld dort ankommt, wo es hingehört: nämlich beim Künstler. Die Politik könnte künftig vom Gütesiegel abhängig machen, ob Fördermittel für ein Projekt bewilligt werden. Hier sind wir ganz konkret schon in Gesprächen mit Verantwortlichen.

Johannes Maria Schatz ist Vorsitzender des Interessenverbandes »art but fair«, der über die miserablen Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung vieler Künstler aufklären will. Ziel ist die Einführung eines Gütesiegels, das an Institutionen vergeben wird, die faire Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung garantieren. Mit Schatz sprach nd-Autor Matthias Schulze.”

Januar 21st, 2014

Offener Brief an das ZDF und Markus Lanz

Sehr geehrter Herr Dr. Bellut,
sehr geehrter Herr Lanz,
sehr geehrte Damen und Herren des ZDF und der Redaktion von Markus Lanz,

in der Sendung vom 16.01.2014 hatten Sie in dem Format Markus Lanz Moritz Bleibtreu und Christian Kahrmann zu Gast, um neben anderen auch das Thema eines zunehmenden Prekariats innerhalb des deutschen Schauspielberufes zu thematisieren. Das Ansinnen des ZDF, dieses wichtige gesellschaftliche Thema einer breiten TV-Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist sicherlich zu begrüßen. Unter anderem hatten Sie dankenswerter Weise unsere Arbeit von art but fair bereits in Ihrem Format aspekte (Stefan Braunshausen) im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen beleuchtet.
Tatsächlich hat jetzt aber Markus Lanz durch die Einlassungen von Herrn Bleibtreu, die gänzlich unwidersprochen blieben, vor allem den deutschen Theater-Schauspielern einen Bärendienst erwiesen! Das stieß nicht nur bei uns auf großes Unverständnis, sondern sorgte bei vielen Schauspielern zu Recht für Entrüstung. Die hat sich u.a. auch auf unserer Facebookseite Bahn gebrochen.

1. Behauptet wurde durch Herrn Bleibtreu, dass es an deutschen Theatern ein Anfängergehalt von 3.000 Euro gäbe. Er bemühte dabei das Beispiel von Castrop-Rauxel. Am Westfälischen Landestheater gilt dort – wie an allen anderen deutschen Bühnen, die dem Deutschen Bühnenverein angeschlossen sind – der tarifliche Normalvertrag Bühne.
Fakt ist vielmehr, dass der Mindestlohn bei 1.650 EUR brutto liegt. Inzwischen hat Herr Bleibtreu auf seiner Facebookseite zugegeben, dass er angeblich Euro mit der alten D-Mark verwechselt habe und sich entschuldigt. Aber selbst zu D-Mark-Zeiten lag freilich der Gehalt nicht bei 3.000 DM, sondern bei etwa der Hälfte.

2. Der noch viel fatalere Eindruck entstand aber durch seine Einlassung (ebenfalls unwidersprochen), dass es jungen Schauspielern ja lediglich um die schnelle Berühmtheit gehe und deswegen niemand mehr eine mehrjährige Ausbildung absolvieren und an den kleinen öffentlich-geförderten Bühnen (er sprach fälschlicher Weise von „subventioniert“) wie Recklinghausen etc. spielen wollte. Das ist ebenfalls beides schlicht falsch.
Fakt ist vielmehr, dass sich eben jene kleinen Bühnen zahlreich und seit Jahren in einem für alle Beteiligten kräfteraubenden Überlebenskampf befinden, weil sie seitens der öffentlichen Hand immer weniger Fördermittel zur Verfügung gestellt bekommen. Immer mehr Bühnen müssen darum einzelne Sparten streichen oder gänzlich schließen. Zudem absolvieren sehr wohl zahlreiche junge Menschen die vielen staatlichen und privaten Schauspielschulen, leider mehr als der Markt eigentlich benötigt. Das ist Teil der Misere, die zu unverschämten Dumping-Gagen führt.

Aus diesem Grunde wurde von uns am 18.01.2014 ein Offener Brief an Herrn Bleibtreu formuliert. Wie oben bereits erwähnt, hat er sich auf seiner privaten Facebookseite für seinen Faux Pas bereits entschuldigt – zumindest für seinen vermeintlichen Euro/D-Mark-Verwechsler.

Selbstverständlich hat die angesprochene ZDF-Sendung aber eine weit größere öffentliche Reichweite. Wir möchten Sie deswegen darum bitten, in einer Ihrer kommenden Sendungen von Markus Lanz die fälschlichen Behauptungen richtig zu stellen, einem unserer Repräsentanten die Möglichkeit zu geben, sie entsprechend zu kommentieren, oder das Thema noch einmal in einem anderen Format angemessen und seriös darzustellen.

art but fair kämpft seit beinahe einem Jahr unermüdlich für gerechtere Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen in der Darstellenden Kunst und der Musik, dies immer mehr auch Hand in Hand mit den entsprechenden Gewerkschaften. Dank der Dringlichkeit des Themas und dank Elisabeth Kulman, unserer prominenten Botschafterin aus der Oberliga der Opernwelt, erfahren wir eine immense internationale Medienaufmerksamkeit. Sie werden verstehen, dass ZDF-Sendungen wie die angesprochene bei unserem wirklich kräftezehrenden Kampf mehr als kontraproduktiv wirken und vor allem die betroffenen Künstlerinnen und Künstler, die sich ganz überwiegend in einem ständigen Überlebenskampf befinden, vor den Kopf stoßen!

In der großen Hoffnung auf Ihr Verständnis und Ihr Entgegenkommen, die falschen Behauptungen öffentlich korrigieren zu wollen, grüßen wir Sie freundlich und freuen uns auf eine Antwort,

Für art but fair Deutschland
Hagen, den 19.01.2014

Johannes Maria Schatz
- Erster Vorsitzender -

[Video-Tipp: Markus Lanz-Sendung vom 16.01.2014 - Ab ca. 45:27 berichtet Christian Kahrmann über den steinigen Weg in der Schauspielerei, und Moritz Bleibtreu kommt ab 58:37 ins schwadronieren. Siehe auch die Seite von art but fair]

Oktober 5th, 2013

dpa berichtet über “art but fair”

Die Deutsche Presseagentur (dpa) hat sich nun ebenfalls des Themas angenommen: „art but fair“ gegen brotlose Kunst

“Die Gagen für Schauspieler und Musiker sind teils sehr niedrig. Eine Initiative bekämpft Dumpinglöhne und will ein Gütesiegel für faire Theater.
(Von Dorothea Hülsmeier, dpa)

Schauspielkunst ist hierzulande häufig buchstäblich brotlos: Da zahlt ein Privattheater 80 Euro für eine Vorstellung, und für die Proben nichts. Mit 150 Euro Abendgage kann ein Gastsolist an einem kleinen Stadttheater rechnen und 1.500 Euro brutto für sieben Wochen Proben. Das monatliche Durchschnittsgehalt eines Ensemble-Schauspielers an einem öffentlichen Theater liegt bei 2.580 Euro, an einem freien Theater sind es oft nur 600 bis 700 Euro. …”

Der ganze Bericht findet sich hier.

September 10th, 2013

art but fair Deutschland und Schweiz gegründet

Am Samstag, den 07. September 2013 wurden in Berlin offiziell die beiden gemeinnützigen Vereine art but fair Deutschland und art but fair Schweiz gegründet! Als Vorstände für art but fair Deutschland  wurden Johannes Maria Schatz als Vorsitzender sowie Julia Schiwowa und Sören Fenner als Stellvertreter gewählt. Für den Schweizer Verein wurde Julia Schiwowa als Vorsitzende gewählt. Daniel Ris und Johannes Maria Schatz wurden stellvertretende Vorstände. In Kürze wird art but fair Österreich hinzukommen – dort ist das Vereinsrecht etwas komplizierter, daher war es nicht möglich, auch diesen Verein schon jetzt zu gründen.

Mitglieder des Inneren Teams diskutierten und debattierten das gesamte Wochenende über Themen wie Gütesiegel, Richtgagen, Selbstverpflichtung, Haltung, Werte und die zukünftige Ausrichtung von art but fair. Dazu in Kürze mehr. Damit hat sich die Initiative eine Struktur gegeben und steht jetzt auf demokratischen Füßen.

art but fair hofft, in den nächsten Monaten viele Mitglieder gewinnen zu können, die Lust haben, sich an dem wichtigen Kampf für faire Arbeitsbedingungen in der Darstellenden Kunst und in der Musik zu beteiligen und die Arbeit mit ihren Ideen, Meinungen und mit ihrer Energie zu bereichern.

August 28th, 2013

art but fair – eine Halbjahresbilanz

Die Bewegung “art but fair” ist inzwischen ein halbes Jahr “alt”, hervorgegangen aus der Facebookseite von Johannes Maria Schatz “Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse” und Elisabeth Kulmans Aufruf zur “Revolution der Künstler”. Die Initiative, die für gerechte Arbeitsbedingungen und faire Gagen in der Darstellenden Kunst kämpft, ist mittlerweile über die Österreichische (APA) und auch Deutsche Presse Agentur (dpa) getickert. Art but fair war mehrfach im Fernsehen, so im ORF, im BR, im ZDF und in 3sat. Die Künstlerbewegung war in allen möglichen Radiosendungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland Thema. Weltweit ist sie diskutiert im Internet, in zahlreichen internationalen Tageszeitungen wurde berichtet, sogar in die ZEIT hat sie es geschafft. Grund genug, hier einmal eine Presse-Timeline als pdf-Dokument online zu stellen.

Juni 12th, 2013

Die “Revolution der Künstler” im Bayrischen Fernsehen

Die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman ruft zusammen mit Johannes Maria Schatz zur sozialen Gerechtigkeit via Facebook auf. Auf der Seite “Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionserlebnisse” schreiben Musiker aller Stilrichtungen über ihre Erfahrungen. Das Musikmagazin “KlickKlack” des BR berichtet als erster deutscher Fernsehsender über “art but fair“.

Juni 1st, 2013

Deutscher Bühnenverein und Deutscher Tonkünstlerverband begrüßen “art but fair”

Zur Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins trafen sich am 24. und 25. Mai 2013 die Intendanten und Direktoren der deutschen Theater und Orchester und die zuständigen Kulturpolitiker in Kiel. Der Bühnenverein wandte sich u.a. in einer Resolution gegen die zunehmende Verdrängung der darstellenden Künstler in unzureichende Beschäftigungsverhältnisse. In der Resolution heißt es:

“Angesichts dieser Situation begrüßt der Bühnenverein die Initiative „art but fair“ und fordert
* eine Finanzausstattung der Theater, die es ihnen erlaubt, ihren Künstlern angemessene Arbeitsbedingungen und eine ausreichende Bezahlung anzubieten,
* von weiteren Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse für die Theater Abstand zu nehmen,
* die durch mangelnde öffentliche Zuschüsse herbeigeführte Verdrängung von darstellenden Künstlern in unzureichende Beschäftigungsverhältnisse zu beenden,
* gesetzliche Regelungen zu schaffen, die auch bei kurzzeitiger Beschäftigung von darstellenden Künstlern eine ausreichende Arbeitslosenversicherung sicherstellen.”

 

Auch der DTKV unterstützt die Initiative „art but fair“
“Gemeinsames Ziel: Stärkung der finanziellen und sozial-rechtlichen Situation

Ein Schwerpunkt in der Arbeit des Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV) liegt in der Sorge für angemessene Arbeitsbedingungen für Musiker und Sänger in Kulturbetrieben als auch für freischaffend Tätige. Da sich insbesondere die finanzielle und die sozial-rechtliche Situation sowohl der freiberuflichen, als auch der – immer weniger werdenden – angestellten Musiker und Sänger fortwährend verschlechtert, unterstützt das Präsidium des DTKV die Initiative „art but fair“ ganz entschieden. Dieser negativen Entwicklung entgegen zu steuern, ist ein gemeinsames Ziel. Nur im Verbund und in der Kooperation lasse sich diese Zielsetzung verwirklichen, nur so lasse sich Politik und Gesellschaft bewegen. Der DTKV wird in einer geplanten Mitgliederumfrage noch im Jahr 2013 belastbares Zahlenmaterial erheben, um gezielt politisch tätig werden zu können.”

NEWS

Unsere letzte Musical- produktion am Theater Hagen; Uraufführung: 14.04.2012.

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