Ausrichter der größten Jugendmusicalproduktion im deutschsprachigen Raum

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Archiv für Kategorie 'Gemischtes'

Elisabeth Kulman wendet sich direkt an alle KünsterInnen der Tiroler Festspiele

Donnerstag, Mai 24th, 2018

(Please read below the English translation)

„Es ist Zeit, den Mund aufzumachen gegen Machtmissbrauch und Übergriffe! Jetzt! Voice it! Für eine Kultur der Würde, des Respekts und der Gerechtigkeit!“

Mit diesen Worten wendet sich die Mitbegründerin von ART BUT FAIR, Elisabeth Kulman, an alle aktuellen und ehemaligen KünstlerInnen bei den Tiroler Festspiele Erl und ruft dazu auf, sich als Zeugen zu melden. Gleichzeitig kündigt sie ein zweites Video an, das auf dem YouTube-Kanal What’s Opera, Doc? erscheinen wird.

Hier geht’s zum Original-Video.

Zeuginnen und Zeugen, bitte meldet euch bei Markus Wilhelm unter m.wilhelm@dietiwag.org.
Kostenlose und anonyme Beratung und Unterstützung bekommt ihr unter voiceit@artbutfair.org.

BITTE TEILEN!

Elisabeth Kulman directly addresses all artists of the Tyrolean Festival Erl

“It’s time to open your mouth against abuse of power and assaults! Now! Voice it! For a culture of dignity, respect and justice! ”

With these words, the co-founder of ART BUT FAIR, Elisabeth Kulman, speaks to all current and former artists at the Tyrolean Festival Erl and calls upon them to be available as official witnesses. At the same time she announces a second video on the YouTube channel What’s Opera, Doc? to be online within a few days. Click here for the original video and the YouTube subscription: https://youtu.be/ta7lp_T0KME

Witnesses, please contact Markus Wilhelm at m.wilhelm@dietiwag.org.
Free and anonymous advice and support are available by writing to voiceit@artbutfair.org.

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OFFENER BRIEF AN DIE PRESSE- UND KOMMUNIKATIONS-ABTEILUNG UND DEN PRÄSIDENTEN DER TIROLER FESTSPIELE

Montag, März 19th, 2018
Sehr geehrte Frau Ruge,
Sehr geehrter Herr Dr. Haselsteiner,
Ich wollte meinen Augen nicht so recht trauen, als ich Ihre Pressemitteilung las, die Sie am 14. März 2018 versandt haben:
„Liebe Medienvertreter, nachdem so viel von Dritten über das Orchester aus Minsk gesagt wurde, möchten nun die Orchestermusiker selbst zu Wort kommen. Durch die vielen falschen Berichte, basierend auf Beschuldigungen von anonymen Musikern, art but fair und Markus Wilhelm, ist das Bild eines auf Almosen angewiesenen Orchesters entstanden, dass sie umgehend korrigieren wollen. Schließlich waren weder die Geschäftsführer von art but fair noch Markus Wilhelm jemals bei den Festspielen und folgten auch nicht unserer mehrfach wiederholten Einladung mit dem Angebot der Einsichtnahme in Vertragsunterlagen. Besonders durch den Bericht auf BR2 fühlt sich das Orchester nach eigenen Worten „durch den Schmutz gezogen“, es pocht auf den Respekt, den wir verdient haben“. Wir laden in Namen der Orchestermusiker zum Gespräch nach Erl ins Foyer des Festspielhauses am ersten Probentag mit Orchester.“
Im Ernst jetzt: Viele falsche Berichte? Beschuldigungen von anonymen Musikern? Ein auf Almosen angewiesenes Orchester? Durch den Schmutz gezogen? Pochen auf Respekt?
Warten Sie, ich gehe kurz in mich und überlege… Nichts, was Sie da schreiben, stimmt auch nur annähernd! Wie aus dem Schulbuch erkenne ich aber die typischen Manipulations-Strategien: dreiste Täter-Opfer-Umkehr, haarsträubendes Zünden von Nebelkerzen, billige Whataboutism-Reflexe, weitere unverschämte Lügen und empörende persönliche Diffamierungen Betroffener.
Wie Sie beschäftige ich mich die letzten Wochen ebenfalls mit kaum noch etwas anderem als Ihren Tiroler Trauerspielen (ich mag es einfach nicht mehr Festspiel nennen). Ich kenne keinen einzigen Artikel oder Radiobeitrag, der die Minsker Musikerkollegen durch den Schmutz gezogen oder es an Respekt hätte fehlen lassen! Im Gegenteil: Immer wurde mit sehr viel Empathie von den KünstlerInnen und ihrer Arbeit in Erl berichtet. Nie waren das Orchester, die SängerInnen oder deren Kunst Ziel der Kritik! Es ging und geht um die unfairen Arbeitsverhältnisse und unangemessenen Dumpinglöhne. Das ist übrigens etwas ganz anderes als Almosen, also Geld, das man Bedürftigen schenkt.
Es ist auch schlicht falsch, ständig zu wiederholen, dass es nur anonyme Aussagen gäbe. Ich wünschte mir, dass es mehr wären, ja. Aber ich verstehe auch, wieso es nicht geschieht! Der erste Musiker, der sich namentlich in der Öffentlichkeit outete, erwehrt sich jetzt bösartigen, persönlichen Angriffen Ihrerseits auf dessen künstlerische Qualität (Sie erinnern sich bestimmt: Wir haben deswegen Ihre Stellungnahme nicht veröffentlicht). Sie haben diese diskreditierenden Behauptungen sogar an Dritte und Medienvertreter weiter gegeben! Dem zweiten Musiker wurde inzwischen mitgeteilt, dass man künftig auf eine Zusammenarbeit verzichtet. Ich will mir gar nicht vorstellen, was wohl jener Dame, die vom BR2 interviewt wurde, geschähe, wenn Sie ihren Namen heraus bekämen!
Last but not least die angeblich vielen falschen Berichte. Ich halte hier fest: Kein einziger Vorwurf wurde bisher widerlegt. Zwar sieht die Staatsanwaltschaft Innsbruck derzeit offenbar noch keinen dringenden Tatverdacht bzgl. möglicher Sexualdelikte (eine offizielle Mitteilung darüber habe ich allerdings noch nicht), Herrn Wilhelm ist auch vorübergehend nicht gestattet, bestimmte Anschuldigungen öffentlich zu wiederholen, aber wohlgemerkt nur bis zu einer gerichtlichen Klärung. Statt dessen sind aber dubiose Vertragskonstrukte ans Licht gekommen, schändliche – durch öffentliche Bundes- und Landesfördermittel unterstützte – Dumpinglöhne, unterirdische Arbeitsverhältnisse und charakterliche Schwächen auf Leitungsebene, die bei jedem anderen Veranstalter zu sofortigen persönlichen Konsequenzen geführt hätten.
Nein, wir werden Ihren miesen Spielchen nicht auf den Leim gehen (der Großteil der freien Medien natürlich auch nicht), art but fair wird weiterhin für die Wahrheit Zeugnis ablegen und den Verantwortlichen der Tiroler Spiele schließlich Ihr mieses Handwerk legen! Und wissen Sie auch wieso? Aus Respekt vor den beteiligten KünstlerInnen aus Minsk oder woher auch sonst sie kommen mögen!
Ein letztes Wort an Sie, Herr Dr. Haselsteiner: Sie haben bisher ja immer von einer politischen Verleumdungskampagne und einer Schweinerei fabuliert. Dabei ging es Ihnen selbstverständlich immer nur um sich selbst und natürlich Ihren Spezi, mit dem sie nicht zusammen untergehen wollen. Verantwortlich und integer wäre es gewesen, wenn Sie sich sofort um die wahren Opfer gekümmert hätten: Nämlich all jene, die sich aus Angst vor Ihnen bis heute nicht trauen, aus der Anonymität zu treten! Am 11. März 2018 übertreffen Sie sich dann in Ihrer Kaltschnäuzigkeit aber selbst: “Die Festspiele Erl sind ein kulturelles Aushängeschild Tirols. Durch die nun beschlossenen Maßnahmen wird volle Transparenz und Offenheit gewährleistet.“
Schämen Sie sich eigentlich nicht? Keine einzige Maßnahme hat die vielen Frauen im Blick, mit denen wir und andere Künstlervertreter tagtäglich telefonieren! Bis heute kein Opfertelefon, keine unabhängige Anlaufstelle, nicht einmal der Versuch, unseren Vorwürfen nachzugehen! Statt dessen juristische Grabenkämpfe und mediale Schlammschlachten! Ich habe mich von Anbeginn gefragt, was Sie persönlich dazu motiviert… Ein Schelm wer Böses dabei denkt!
Für art but fair Deutschland, Österreich und Schweiz
Johannes M. Schatz
art but fair Deutschland e.V.
- Vorsitzender -

Der Unterschied zwischen SUBVENTION und ÖFFENTLICHER FÖRDERUNG

Freitag, Dezember 2nd, 2016

Wir versuchen jetzt noch einmal, den Unterschied zwischen „Subvention“ und „öffentlicher Förderung“ zu verdeutlichen, denn beharrlich werden die Begriffe synonym verwendet, etwa wenn von Mario Barth in seinem RTL-Format “Mario Barth deckt auf!” fälschlich behauptet wird, dass Theater- oder Opernkarten mit einer Summe X „subventioniert“ würden.

Es gibt im Rahmen der Selbstverwaltung für Kommunen und Länder sog. Pflicht- und freiwillige Aufgaben. Zu den Pflichten gehören bspw. Bauaufsicht, Brand- und Katastrophenschutz, Abwasserbeseitigung, Energie- und Wasserversorgung und Schulentwicklungsplanung. Entscheidungsfreiraum haben Kommunen und Länder bei der Entwicklung des wirtschaftlichen Wohles (Gewerbeansiedlung, ÖPNV, Messen), bei der Kultur (Museen, Sportstätten, THEATER) und bei Sozialem (Altenpflege, Krankenhäuser, Suchtberatung). Rechtsgrundlagen sind das Grundgesetz (Art. 28 Abs. 2 GG), die jeweiligen Landesverfassungen (bspw. Art. 78 LV NRW) und Gemeindeordnungen. Der Umfang der freiwilligen Selbstverwaltungsaufgaben richtet sich nach der Leistungsfähigkeit der Gemeinden bzw. Länder.
Im Art. 28 Abs. 2 des Grundgesetzes heißt es wörtlich: „Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. Auch die Gemeindeverbände haben im Rahmen ihres gesetzlichen Aufgabenbereiches nach Maßgabe der Gesetze das Recht der Selbstverwaltung. Die Gewährleistung der Selbstverwaltung umfasst auch die Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung; zu diesen Grundlagen gehört eine den Gemeinden mit Hebesatzrecht zustehende wirtschaftskraftbezogene Steuerquelle.“

Grundsätzlich davon zu unterscheiden sind Subventionen. Das sind staatliche Mittel an Betriebe oder Unternehmen. Es sind wirtschaftspolitische Eingriffe in ein Marktgeschehen. Die größten Subventionsempfänger in Deutschland durch den Bund (insgesamt ca. 22 Mrd. im Jahr 2015) sind bspw. der Steinkohlebergbau, die energetische Gebäudesanierung, Wohnungsbauprämien, die Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes oder der Ausgleich von Nachteilen für das deutsche Güterkraftverkehrsgewerbe durch die Lkw-Maut. Auf Seiten der EU-Subventionen sind die größten Empfänger überwiegend Agrarbetriebe (39,7 Mrd. EUR werden im Jahr 2015 für Direktzahlungen und Marktmaßnahmen ausgegeben): etwa die Agrargenossenschaft Rhönperle in Thüringen, der Spreenhagener Vermehrungsbetrieb für Legehennen, Südzucker oder das Deutsche Milchkontor.

Und wer es jetzt noch immer nicht kapiert hat, der möge unserem ehemaligen Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker, lauschen: „ … Kultur kostet Geld. Sie kostet Geld vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf. Vor ein paar Jahren, eben hier in Berlin, habe ich bei einer Ansprache vor dem Deutschen Bühnenverein ausgeführt, dass Kultur nicht etwas sein darf, was die öffentlichen Hände nach Belieben betreiben oder auch lassen dürfen. Substanziell hat die Förderung von Kulturellem nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Haushalte zu sein als zum Beispiel der Straßenbau, die öffentliche Sicherheit oder die Finanzierung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist “Subventionen” nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. Der Ausdruck lenkt uns in die falsche Richtung. Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert. …“

Nachlese zur 8. Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur

Donnerstag, Mai 14th, 2015

“KÜNSTLER LESEN VIEL ZU VIEL BULLERBÜ”

Es muss vergnüglich hergegangen sein bei der 8. Arbeitsmarktkonferenz Medien und Kultur in Köln am frühen Morgen. Ich war leider zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend, sondern stieß erst nachmittags hinzu. Die Podiumsdiskussion, an der ich teilnahm stand unter dem Motto: „Zwischen Mindestlohn und Tantiemen: neue Entgelt- und Lohnmodelle?“.

Natürlich erkundigte ich mich im Vorfeld bei meinen Mitdiskutanten, wie der Morgen gelaufen sei. Mit sichtlich verärgerter Miene erzählten man mir, dass sich die Damen und Herren Politiker – Dank tatkräftiger Unterstützung (man lese und staune) der WDR Abteilungsleiterin Programmdesign und Multimedia, Karin Sarholz – hervorragend aus der Kulturmisere hätten stehlen können. Die Steilvorlage der Trägerin des Kurt-Magnus-Preises für Hörfunkjournalismus: Schon junge ArbeitnehmerInnen kämen mit unverschämten Forderungen nach einer guten Life-Work-Ballance an. Darauf hätte man doch frühestens mit 40 oder 50 einen Anspruch. Zu Beginn eines Arbeitslebens hieße es ganz einfach, viel und hart zu arbeiten! Die Vorstellungen mancher jungen Leute seien doch absurd, am Wochenende bitte nicht vom Arbeitgeber angerufen zu werden. Die KünstlerInnen von heute hätten alle viel zu viel „Wir Kinder aus Bullerbü“ gelesen.

Wir erinnern uns an das Kinderbuch Astrid Lindgrens: Lisas Mama sagt dort, dass es “Bullerbü” heiße, weil die Kinder in Bullerbü so viel herumbullerten. Man könne einfach nicht begreifen, wie es sechs Kinder schafften, einen solchen Lärm zu machen. KünstlerInnen bullerten also viel zu viel herum!

Jubel und Applaus bei den anwesenden Damen und Herren des Establishments. Genau: Der Markt regle das schon alles. Die Politik müsse nicht eingreifen, sei auch gar nicht zuständig. Alles halb so wild. Viel zu viel Lärm (um nichts)!

Ich traute meinen Ohren kaum.

Liebes Establishment, bislang waren wir alle noch viel zu brav. Der kulturpolitische Kuschelkurs ist von unserer Seite aus seit Dienstag vorbei! Bislang hatten wir in Interviews immer die Eigenverantwortung der betroffenen KünstlerInnen hervor gehoben. Das scheint aber kontraproduktiv gewesen zu sein (obwohl es natürlich noch immer richtig ist). Der Fokus wird sich nun bei uns verschieben: Wer öffentliche Fördermittel verteilt, ist auch verantwortlich zu überprüfen, wie diese eingesetzt werden, und zwar mit allen Konsequenzen!

In einem Land, in dem tagtäglich Sozialversicherungsbetrug stattfindet, der dann dazu führt, dass KünstlerInnen später in der Altersarmut landen, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

In einem Land, in dem die Besetzung von Filmrollen noch immer mit der unverhohlenen Frage verbunden wird, ob die Schauspielerin denn auch bereit wäre, mit dem Produzenten demnächst in den Urlaub zu fliegen, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

Und: In einem Land, in dem Proben nicht bezahlt werden, die KünstlerInnen nicht versichert sind, dennoch aber Arbeitsunfälle auf der Bühne geschehen, dann aber nicht sofort der Notarzt gerufen, sondern der Betroffene auf den Gehsteig getragen wird, um ein Fahrrad hinzu zulegen und jetzt erst die 110 gewählt wird, in einem solchen Land, ist noch viel zu wenig herumgebullert worden!

Liebe Karin Sarholz, mit Verlaub, Sie haben keine Ahnung wie es in unserem Land wirklich zugeht!

(von: Johannes Maria Schatz, Vorsitzender von art but fair Deutschland)

Kunst gleich unfair?

Freitag, Dezember 12th, 2014

Der Verein „art but fair“ ist in der Kulturpolitik angekommen

(von Ines Stricker in: neue musikzeitung 10/14)

Das müsste man mal alles aufschreiben, das würde uns kein Mensch glauben“: Diesen Stoßseufzer von Künstlern über miserable Honorar- und Arbeitsbedingungen auf dem freien Markt macht Musicalproduzent Johannes Maria Schatz im Februar 2013 zum Ausgangspunkt für sein soziales und politisches Engagement. Der Verein „art but fair“, den er in Deutschland als Vorsitzender vertritt, verlangt nicht nur angemessene Entlohnung für Künstler, sondern auch Selbstverpflichtungserklärungen von Agenten und Kulturanbietern.

 

Dumping-Honorare für Musiker

Für Schatz ist das Ende der Geduld erreicht, als seine Frau, eine Musicaldarstellerin und Schauspielerin, folgendes Beschäftigungsangebot von einem Theater erhält: Für eine Spielzeit mit 300 Vorstellungen soll sie gerade einmal 1.200 Euro brutto pro Monat erhalten. Schatz schaltet spontan eine Facebookseite über die „traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen“ (https://www.facebook.com/Kuenstlergagen) auf – und stellt fest, dass die Seite innerhalb weniger Stunden geradezu vor Likes explodiert.

Neben Schauspielern und Musicalkünstlern melden sich auch freiberufliche Tänzer, Sänger und Instrumentalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und berichten über Dumping-Honorare und Existenzsorgen. Schon bald setzt sich auch die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman mit Schatz in Verbindung und steuert ihre eigenen Erfahrungen von den Salzburger Festspielen bei: Dort sollen nur noch Aufführungen, aber nicht mehr die dafür notwendigen Proben bezahlt werden. Fallen die Sänger in einer Vorstellung aus, etwa wegen Krankheit, erhalten sie kein Geld – ein unabsehbares finanzielles Risiko. Elisabeth Kulman ruft zur „Revolution der Künstler“ auf und gilt bald als Jeanne d’Arc der Freiberuflichen, Johannes Maria Schatz als deren Robin Hood. Im Austausch mit anderen Interessierten reift die Idee, je einen deutschen, österreichischen und schweizerischen gemeinnützigen Verein unter dem Namen „art but fair“ zu gründen und ein Gütesiegel für faire Kunst zu entwickeln.

In Zeiten von Künstlerüberfluss auf der einen und ständiger Ökonomisierung auf der anderen Seite offensichtlich eine Notwendigkeit, denn auch heute noch lesen sich die Geschichten auf der Facebookseite krude: Eine Band reist 600 Kilometer zu einem Konzert an, das dann wegen unprofessioneller Organisation durch den Veranstalter ausfällt – damit ist auch die Gage perdu, die sich aus einem Anteil an den Karteneinnahmen ergeben hätte. Eine andere Band wird angefragt, ob sie für eine Fernsehshow ein Stück inklusive Text schreiben, mit Showkandidaten einstudieren und live aufführen kann – für 500 Euro, von denen noch die Gagen für Kameramann, Beleuchtung und Cutter abgehen. Klassische Musiker wiederum akzeptieren für eine Stelle in einem ausländischen Festivalorchester Gagen, die bis zu 50 Prozent niedriger ausfallen als der dort übliche Mindestlohn.

Sängern und Schauspielern ergeht es nicht besser: Manche Agenturen verlangen beim Vorsingen Gebühren, etwa für Korrepetition, Strom, Raumnutzung und -reinigung. Im Musicalbereich werden Darstellerinnen und Darsteller eingeladen, ohne dass es tatsächlich eine Stelle oder ein Engagement gibt – eine solche „blind audition“ dient einfach dazu, den Markt zu sondieren, ohne Rücksicht auf die Ausgaben der Künstler für Anreise und Übernachtung. Solche Praktiken seien mittlerweile bei Weitem keine Ausnahme mehr, betont Johannes Maria Schatz.

 

Selbstverpflichtung für faire Musikerverträge

Er sieht den Grund für die Misere der Freiberuflichen in den schwindenden öffentlichen Mitteln. Dabei widerspricht Schatz der immer wieder vorgetragenen Begründung leerer Kassen und fehlender Gelder: „Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in Deutschland, der Schweiz und in Österreich in der Nachkriegszeit – mit Ausnahme von 2008 nach dem Börseneinbruch– stetig vergrößert. Das heißt, innerhalb eines Landes wird immer mehr Geld eingenommen, es wird nur falsch verteilt.“ Städte, Kommunen und Länder müssten zwar aufgrund hoher Verschuldungen sparen, aber im Kultursektor mit seinen eins bis drei Prozent am Gesamtbudget lasse sich nicht mehr viel kürzen. Auch dass das Angebot in Theatern, Konzertsälen und auf Bühnen in seiner Bedeutung als Standortfaktor ständig unterschätzt wird, wurmt ihn außerordentlich.

Mittlerweile hat „art but fair“ aber nicht nur viele Likes auf seiner Facebookseite (derzeit sind es über 17.000), sondern stellt auf seiner Website auch Texte für eine Selbstverpflichtung zur Verfügung. Verpflichten können und sollen sich dabei nicht nur Kunstschaffende – etwa dazu, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen –, sondern vor allem deren Auftraggeber und kulturpolitische Akteure. Hochschulen etwa sollen sich verpflichten, „dass ausschließlich Bewerber aufgenommen werden können, die eine außerordentliche künstlerische Begabung mitbringen und somit später eine reelle Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.“ Theater und Produzenten sollen dafür sorgen, dass „sowohl für Proben als auch für Auftritte angemessene Vergütungen und Spesen“ gezahlt werden. Im Fall der freien Theater muss man wohl hinzufügen: je nach Möglichkeit.

Diese rechtlich nicht verbindlichen Selbstverpflichtungen erscheinen auf den ersten Blick wolkig, doch es gibt dafür zwei Vorbilder: Zum einen das Projekt „global compact“ der Vereinten Nationen, bei dem der „art but fair“-engagierte Maximilan Norz mitarbeitet. Darin verpflichten sich Unternehmen der freien Wirtschaft, zehn ethische Mindeststandards einzuhalten. Zum anderen das Gütesiegel, wie es aus der Lebensmittel- und Bekleidungsindustrie bekannt ist. Umgesetzt auf die künstlerische Sparte heißt das: Künftig sollen Kunstanbieter oder -verwerter eine Selbstverpflichtung unterzeichnen und dafür das „art but fair“ Logo nutzen können. Der Betrieb kann von Beschäftigten, Journalisten oder der Öffentlichkeit an dieser Selbstverpflichtung und einem obligatorischen Jahresbericht gemessen werden. Um die Selbstverpflichtungen auch in der Praxis umsetzbar zu machen, hat „art but fair“ eine Studie der Kulturpolitischen Gesellschaft in Bonn und der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung angeregt. In wenigen Jahren, hofft Schatz, wird die Selbstverpflichtung auch als Kriterium dafür dienen, ob ein Projekt oder eine Institution mit öffentlichen oder privaten Geldern gefördert wird.

Doch bereits in der Gegenwart wird dank medialer Aufmerksamkeit der über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzierte Verein „art but fair“ auch von der Kulturpolitik wahrgenommen. Mittlerweile, berichtet Schatz, seien bei den Gewerkschaften wie der GDBA (der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger) neben den Tarifen für die Festangestellten auch die Gagen der freiberuflichen Künstler Gegenstand von Gesprächen. Der größte und unmittelbarste Erfolg sei aber, dass auch die freiberuflichen Künstler selbst nun endlich wagten, über bislang verpönte Tabuthemen wie Geld oder die Probleme mit Engagements zu sprechen, nach dem Motto: „Endlich weiß ich, dass es nicht nur mir so geht“. Angesichts prekärer Einkommens- und Beschäftigungsverhältnisse, wie sie gerade im Musikbereich gang und gäbe sind (man denke nur an die der Künstlersozialkasse gemeldeten Jahreseinkommen von Musikern von durchschnittlich rund 12.600 Euro) war dieser Sinneswandel längst überfällig.”

Ein Gütesiegel für faire Kunst

Mittwoch, Oktober 22nd, 2014

(Foto: dpa/Caroline Seidel)

Johannes Maria Schatz über Dumping-Gagen, Existenznot und Unwissenheit
(von Mathias Schulze, in: neues deutschland, 13.09.2014)

Welche Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Berufsbildes Künstler wollen Sie leisten?
Wir richten uns an die Kunstakteure und an das Publikum. Die Bandbreite ist da unheimlich groß. Ursprünglich hatte ich im Februar 2013 mit dem Facebook-Auftritt »Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse« nur an Musicaldarsteller und Schauspieler gedacht. Dann war das Echo aber so gewaltig, dass wir alle Sparten der Darstellenden Kunst und Musik mit aufnahmen. Unter welchen Bedingungen überall gearbeitet wird, wissen die Wenigsten.

Sollten sich Künstler nicht selbst eine Mindestgage setzen?
Es gibt für die Festangestellten durchaus Mindestgagen – nach dem derzeitig gültigen Tarifvertrag liegt der für Sänger und Schauspieler beispielsweise bei 1650 Euro brutto. Gleichzeitig gibt es aber schon länger die Tendenz, dass Theater immer mehr mit Freischaffenden zusammenarbeiten. Für die gilt der Tarifvertrag nicht. An dem Punkt haben die Gewerkschaften jahrzehntelang gepennt. Hoffnung gibt es: Der deutsche Bühnenverein sitzt gerade mit der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Vereinigung Deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) zusammen, um auch für Freischaffende eine Mindestgage auszuhandeln. Junge Künstler kennen ihren Marktwert meist noch gar nicht. Das ganze praktische Know-How, Versicherungen, Vertraggestaltung etc., wird bestenfalls in der Praxis erlernt. Hier müssen die Schulen unbedingt nachbessern! Außerdem gibt es sehr viele Künstler. Lehnt man ein Dumping-Angebot ab, stehen dennoch viele andere Künstler unter Existenzdruck – und nehmen das Angebot an.

Bekommen Sie von diesen Künstlern, die seit Jahren unter dem Existenzdruck arbeiten, auch Skepsis zu hören?
Unsere »art but fair«-Selbstverpflichtung, die auf ein faires und würdevolles Arbeiten hinwirken will (http://selbstverpflichtung.artbutfair.org/), stößt natürlich auch auf Kritik: Wie kann ich diese Selbstverpflichtung, egal ob ich Kunstschaffender, Theaterleiter oder ein Verantwortlicher in der Kulturpolitik bin, unterschreiben, wenn ich der harten Realität unterliege? Die Unterschrift unter die Selbstverpflichtung ist kein »Entweder-Oder«. Sie drückt aus, dass man bereit ist, sich auf einen langen Weg zu fairen Arbeitsbedingungen und angemessenen Gagen zu machen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das im Detail zu vermitteln, ist uns noch nicht gänzlich gelungen.

Sie wollen auch den einzigartigen Wert von Kunst wieder ins Bewusstsein rücken: Worin besteht der?
Es gibt für mich keinen anderen Grund, Kunst staatlich zu fördern, als der Gesellschaft immer wieder von neuem kritisch den Spiegel vorzuhalten. Unsere Finanzpolitiker müssen sich schon fragen lassen, ob sie »gelungene« Kunst allein an vollen Theatersälen oder Besucherzahlen messen wollen. Wenn nämlich nur noch Gefälliges produziert wird, dann wird das der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst nicht gerecht. Auf der anderen Seite finde ich nicht, dass jedes Projekt zwingend überleben muss. Kunst, die nur durch Dumping-Gagen entsteht, ist nicht erhaltenswert!

Wie sehen die Fernziele von »art but fair« aus?
In den kommenden Monaten werden wir mit der Hans-Böckler-Stiftung und der Kulturpolitischen Gesellschaft eine Studie durchführen, die überwiegend auf Interviews mit Kulturexperten beruhen wird. Wir nennen das die »art but fair consultations«. Die Ergebnisse sollen zeigen, ob wir mit unserem moralischen Kodex auf dem richtigen Weg sind: Wo muss noch nachjustiert werden? Langfristiges Ziel ist dann ein Kunst-Gütesiegel. Wer das künftig trägt, steht mit seiner Produktion für faire Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen. Der Zuschauer kann erkennen, ob das Geld dort ankommt, wo es hingehört: nämlich beim Künstler. Die Politik könnte künftig vom Gütesiegel abhängig machen, ob Fördermittel für ein Projekt bewilligt werden. Hier sind wir ganz konkret schon in Gesprächen mit Verantwortlichen.

Johannes Maria Schatz ist Vorsitzender des Interessenverbandes »art but fair«, der über die miserablen Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung vieler Künstler aufklären will. Ziel ist die Einführung eines Gütesiegels, das an Institutionen vergeben wird, die faire Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung garantieren. Mit Schatz sprach nd-Autor Matthias Schulze.”

dpa berichtet über “art but fair”

Samstag, Oktober 5th, 2013

Die Deutsche Presseagentur (dpa) hat sich nun ebenfalls des Themas angenommen: „art but fair“ gegen brotlose Kunst

“Die Gagen für Schauspieler und Musiker sind teils sehr niedrig. Eine Initiative bekämpft Dumpinglöhne und will ein Gütesiegel für faire Theater.
(Von Dorothea Hülsmeier, dpa)

Schauspielkunst ist hierzulande häufig buchstäblich brotlos: Da zahlt ein Privattheater 80 Euro für eine Vorstellung, und für die Proben nichts. Mit 150 Euro Abendgage kann ein Gastsolist an einem kleinen Stadttheater rechnen und 1.500 Euro brutto für sieben Wochen Proben. Das monatliche Durchschnittsgehalt eines Ensemble-Schauspielers an einem öffentlichen Theater liegt bei 2.580 Euro, an einem freien Theater sind es oft nur 600 bis 700 Euro. …”

Der ganze Bericht findet sich hier.

art but fair Deutschland und Schweiz gegründet

Dienstag, September 10th, 2013

Am Samstag, den 07. September 2013 wurden in Berlin offiziell die beiden gemeinnützigen Vereine art but fair Deutschland und art but fair Schweiz gegründet! Als Vorstände für art but fair Deutschland  wurden Johannes Maria Schatz als Vorsitzender sowie Julia Schiwowa und Sören Fenner als Stellvertreter gewählt. Für den Schweizer Verein wurde Julia Schiwowa als Vorsitzende gewählt. Daniel Ris und Johannes Maria Schatz wurden stellvertretende Vorstände. In Kürze wird art but fair Österreich hinzukommen – dort ist das Vereinsrecht etwas komplizierter, daher war es nicht möglich, auch diesen Verein schon jetzt zu gründen.

Mitglieder des Inneren Teams diskutierten und debattierten das gesamte Wochenende über Themen wie Gütesiegel, Richtgagen, Selbstverpflichtung, Haltung, Werte und die zukünftige Ausrichtung von art but fair. Dazu in Kürze mehr. Damit hat sich die Initiative eine Struktur gegeben und steht jetzt auf demokratischen Füßen.

art but fair hofft, in den nächsten Monaten viele Mitglieder gewinnen zu können, die Lust haben, sich an dem wichtigen Kampf für faire Arbeitsbedingungen in der Darstellenden Kunst und in der Musik zu beteiligen und die Arbeit mit ihren Ideen, Meinungen und mit ihrer Energie zu bereichern.

art but fair – eine Halbjahresbilanz

Mittwoch, August 28th, 2013

Die Bewegung “art but fair” ist inzwischen ein halbes Jahr “alt”, hervorgegangen aus der Facebookseite von Johannes Maria Schatz “Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen und Auditionerlebnisse” und Elisabeth Kulmans Aufruf zur “Revolution der Künstler”. Die Initiative, die für gerechte Arbeitsbedingungen und faire Gagen in der Darstellenden Kunst kämpft, ist mittlerweile über die Österreichische (APA) und auch Deutsche Presse Agentur (dpa) getickert. Art but fair war mehrfach im Fernsehen, so im ORF, im BR, im ZDF und in 3sat. Die Künstlerbewegung war in allen möglichen Radiosendungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland Thema. Weltweit ist sie diskutiert im Internet, in zahlreichen internationalen Tageszeitungen wurde berichtet, sogar in die ZEIT hat sie es geschafft. Grund genug, hier einmal eine Presse-Timeline als pdf-Dokument online zu stellen.

Die “Revolution der Künstler” im Bayrischen Fernsehen

Mittwoch, Juni 12th, 2013

Die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman ruft zusammen mit Johannes Maria Schatz zur sozialen Gerechtigkeit via Facebook auf. Auf der Seite “Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionserlebnisse” schreiben Musiker aller Stilrichtungen über ihre Erfahrungen. Das Musikmagazin “KlickKlack” des BR berichtet als erster deutscher Fernsehsender über “art but fair“.