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Archiv für Januar, 2014

Offener Brief an das ZDF und Markus Lanz

Dienstag, Januar 21st, 2014

Sehr geehrter Herr Dr. Bellut,
sehr geehrter Herr Lanz,
sehr geehrte Damen und Herren des ZDF und der Redaktion von Markus Lanz,

in der Sendung vom 16.01.2014 hatten Sie in dem Format Markus Lanz Moritz Bleibtreu und Christian Kahrmann zu Gast, um neben anderen auch das Thema eines zunehmenden Prekariats innerhalb des deutschen Schauspielberufes zu thematisieren. Das Ansinnen des ZDF, dieses wichtige gesellschaftliche Thema einer breiten TV-Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist sicherlich zu begrüßen. Unter anderem hatten Sie dankenswerter Weise unsere Arbeit von art but fair bereits in Ihrem Format aspekte (Stefan Braunshausen) im Zusammenhang mit den Salzburger Festspielen beleuchtet.
Tatsächlich hat jetzt aber Markus Lanz durch die Einlassungen von Herrn Bleibtreu, die gänzlich unwidersprochen blieben, vor allem den deutschen Theater-Schauspielern einen Bärendienst erwiesen! Das stieß nicht nur bei uns auf großes Unverständnis, sondern sorgte bei vielen Schauspielern zu Recht für Entrüstung. Die hat sich u.a. auch auf unserer Facebookseite Bahn gebrochen.

1. Behauptet wurde durch Herrn Bleibtreu, dass es an deutschen Theatern ein Anfängergehalt von 3.000 Euro gäbe. Er bemühte dabei das Beispiel von Castrop-Rauxel. Am Westfälischen Landestheater gilt dort – wie an allen anderen deutschen Bühnen, die dem Deutschen Bühnenverein angeschlossen sind – der tarifliche Normalvertrag Bühne.
Fakt ist vielmehr, dass der Mindestlohn bei 1.650 EUR brutto liegt. Inzwischen hat Herr Bleibtreu auf seiner Facebookseite zugegeben, dass er angeblich Euro mit der alten D-Mark verwechselt habe und sich entschuldigt. Aber selbst zu D-Mark-Zeiten lag freilich der Gehalt nicht bei 3.000 DM, sondern bei etwa der Hälfte.

2. Der noch viel fatalere Eindruck entstand aber durch seine Einlassung (ebenfalls unwidersprochen), dass es jungen Schauspielern ja lediglich um die schnelle Berühmtheit gehe und deswegen niemand mehr eine mehrjährige Ausbildung absolvieren und an den kleinen öffentlich-geförderten Bühnen (er sprach fälschlicher Weise von „subventioniert“) wie Recklinghausen etc. spielen wollte. Das ist ebenfalls beides schlicht falsch.
Fakt ist vielmehr, dass sich eben jene kleinen Bühnen zahlreich und seit Jahren in einem für alle Beteiligten kräfteraubenden Überlebenskampf befinden, weil sie seitens der öffentlichen Hand immer weniger Fördermittel zur Verfügung gestellt bekommen. Immer mehr Bühnen müssen darum einzelne Sparten streichen oder gänzlich schließen. Zudem absolvieren sehr wohl zahlreiche junge Menschen die vielen staatlichen und privaten Schauspielschulen, leider mehr als der Markt eigentlich benötigt. Das ist Teil der Misere, die zu unverschämten Dumping-Gagen führt.

Aus diesem Grunde wurde von uns am 18.01.2014 ein Offener Brief an Herrn Bleibtreu formuliert. Wie oben bereits erwähnt, hat er sich auf seiner privaten Facebookseite für seinen Faux Pas bereits entschuldigt – zumindest für seinen vermeintlichen Euro/D-Mark-Verwechsler.

Selbstverständlich hat die angesprochene ZDF-Sendung aber eine weit größere öffentliche Reichweite. Wir möchten Sie deswegen darum bitten, in einer Ihrer kommenden Sendungen von Markus Lanz die fälschlichen Behauptungen richtig zu stellen, einem unserer Repräsentanten die Möglichkeit zu geben, sie entsprechend zu kommentieren, oder das Thema noch einmal in einem anderen Format angemessen und seriös darzustellen.

art but fair kämpft seit beinahe einem Jahr unermüdlich für gerechtere Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen in der Darstellenden Kunst und der Musik, dies immer mehr auch Hand in Hand mit den entsprechenden Gewerkschaften. Dank der Dringlichkeit des Themas und dank Elisabeth Kulman, unserer prominenten Botschafterin aus der Oberliga der Opernwelt, erfahren wir eine immense internationale Medienaufmerksamkeit. Sie werden verstehen, dass ZDF-Sendungen wie die angesprochene bei unserem wirklich kräftezehrenden Kampf mehr als kontraproduktiv wirken und vor allem die betroffenen Künstlerinnen und Künstler, die sich ganz überwiegend in einem ständigen Überlebenskampf befinden, vor den Kopf stoßen!

In der großen Hoffnung auf Ihr Verständnis und Ihr Entgegenkommen, die falschen Behauptungen öffentlich korrigieren zu wollen, grüßen wir Sie freundlich und freuen uns auf eine Antwort,

Für art but fair Deutschland
Hagen, den 19.01.2014

Johannes Maria Schatz
- Erster Vorsitzender -

[Video-Tipp: Markus Lanz-Sendung vom 16.01.2014 - Ab ca. 45:27 berichtet Christian Kahrmann über den steinigen Weg in der Schauspielerei, und Moritz Bleibtreu kommt ab 58:37 ins schwadronieren. Siehe auch die Seite von art but fair]