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Oktober 22nd, 2014

Ein Gütesiegel für faire Kunst

(Foto: dpa/Caroline Seidel)

Johannes Maria Schatz über Dumping-Gagen, Existenznot und Unwissenheit
(von Mathias Schulze, in: neues deutschland, 13.09.2014)

Welche Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Berufsbildes Künstler wollen Sie leisten?
Wir richten uns an die Kunstakteure und an das Publikum. Die Bandbreite ist da unheimlich groß. Ursprünglich hatte ich im Februar 2013 mit dem Facebook-Auftritt »Die traurigsten & unverschämtesten Künstlergagen und Auditionserlebnisse« nur an Musicaldarsteller und Schauspieler gedacht. Dann war das Echo aber so gewaltig, dass wir alle Sparten der Darstellenden Kunst und Musik mit aufnahmen. Unter welchen Bedingungen überall gearbeitet wird, wissen die Wenigsten.

Sollten sich Künstler nicht selbst eine Mindestgage setzen?
Es gibt für die Festangestellten durchaus Mindestgagen – nach dem derzeitig gültigen Tarifvertrag liegt der für Sänger und Schauspieler beispielsweise bei 1650 Euro brutto. Gleichzeitig gibt es aber schon länger die Tendenz, dass Theater immer mehr mit Freischaffenden zusammenarbeiten. Für die gilt der Tarifvertrag nicht. An dem Punkt haben die Gewerkschaften jahrzehntelang gepennt. Hoffnung gibt es: Der deutsche Bühnenverein sitzt gerade mit der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Vereinigung Deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) zusammen, um auch für Freischaffende eine Mindestgage auszuhandeln. Junge Künstler kennen ihren Marktwert meist noch gar nicht. Das ganze praktische Know-How, Versicherungen, Vertraggestaltung etc., wird bestenfalls in der Praxis erlernt. Hier müssen die Schulen unbedingt nachbessern! Außerdem gibt es sehr viele Künstler. Lehnt man ein Dumping-Angebot ab, stehen dennoch viele andere Künstler unter Existenzdruck – und nehmen das Angebot an.

Bekommen Sie von diesen Künstlern, die seit Jahren unter dem Existenzdruck arbeiten, auch Skepsis zu hören?
Unsere »art but fair«-Selbstverpflichtung, die auf ein faires und würdevolles Arbeiten hinwirken will (http://selbstverpflichtung.artbutfair.org/), stößt natürlich auch auf Kritik: Wie kann ich diese Selbstverpflichtung, egal ob ich Kunstschaffender, Theaterleiter oder ein Verantwortlicher in der Kulturpolitik bin, unterschreiben, wenn ich der harten Realität unterliege? Die Unterschrift unter die Selbstverpflichtung ist kein »Entweder-Oder«. Sie drückt aus, dass man bereit ist, sich auf einen langen Weg zu fairen Arbeitsbedingungen und angemessenen Gagen zu machen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das im Detail zu vermitteln, ist uns noch nicht gänzlich gelungen.

Sie wollen auch den einzigartigen Wert von Kunst wieder ins Bewusstsein rücken: Worin besteht der?
Es gibt für mich keinen anderen Grund, Kunst staatlich zu fördern, als der Gesellschaft immer wieder von neuem kritisch den Spiegel vorzuhalten. Unsere Finanzpolitiker müssen sich schon fragen lassen, ob sie »gelungene« Kunst allein an vollen Theatersälen oder Besucherzahlen messen wollen. Wenn nämlich nur noch Gefälliges produziert wird, dann wird das der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst nicht gerecht. Auf der anderen Seite finde ich nicht, dass jedes Projekt zwingend überleben muss. Kunst, die nur durch Dumping-Gagen entsteht, ist nicht erhaltenswert!

Wie sehen die Fernziele von »art but fair« aus?
In den kommenden Monaten werden wir mit der Hans-Böckler-Stiftung und der Kulturpolitischen Gesellschaft eine Studie durchführen, die überwiegend auf Interviews mit Kulturexperten beruhen wird. Wir nennen das die »art but fair consultations«. Die Ergebnisse sollen zeigen, ob wir mit unserem moralischen Kodex auf dem richtigen Weg sind: Wo muss noch nachjustiert werden? Langfristiges Ziel ist dann ein Kunst-Gütesiegel. Wer das künftig trägt, steht mit seiner Produktion für faire Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen. Der Zuschauer kann erkennen, ob das Geld dort ankommt, wo es hingehört: nämlich beim Künstler. Die Politik könnte künftig vom Gütesiegel abhängig machen, ob Fördermittel für ein Projekt bewilligt werden. Hier sind wir ganz konkret schon in Gesprächen mit Verantwortlichen.

Johannes Maria Schatz ist Vorsitzender des Interessenverbandes »art but fair«, der über die miserablen Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung vieler Künstler aufklären will. Ziel ist die Einführung eines Gütesiegels, das an Institutionen vergeben wird, die faire Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung garantieren. Mit Schatz sprach nd-Autor Matthias Schulze.”

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